Was tun gegen sexualisierte Gewalt? - Was tun!

Autor: anonym Regionen: Freiburg im Breigau Themen: Freiräume Gender Datum: 4. Nov 2020 Quelle: http://4sy6ebszykvcv2n6.onion

Dass es auch in emanzipatorischeren Räumen und Gruppen sexualisierte Gewalt gibt, wurde schon oft thematisiert und sollte eigentlich leider keine Überraschung mehr sein. Auch dieses Jahr wurden unzählige Male Übergriffe in Bars, auf Festivals und in Wohnprojekten veröffentlicht. Sehr viele weitere Übergriffe wurden nicht veröffentlicht und Unterstützungsarbeit und ein Versuch der Aufarbeitung fanden (relativ) unsichtbar statt. Freiburg i.B. ist dabei natürlich keine Ausnahme. In den letzten Jahren gab es immer wieder Versuche mit bekannt gewordenen Übergriffen einen Umgang zu finden. Das fand jedoch abseits der Öffentlichkeit statt und dafür gibt es auch gute Gründe, wie Schutz der betroffenen Personen, Vermeidung von Gerüchten, etc.

Gleichzeitig kann es natürlich auch Austausch und Vernetzung sowie Sichtbarmachung der herrschenden Gewalt erschweren. Daher wollen wir mit diesem Text transparent machen, dass derzeit ein Versuch stattfindet, mit geschehener sexualisierter Gewalt in unseren Zusammenhängen bzw. unserer Community mit dem Konzept Transformativer Gerechtigkeit umzugehen. Was passiert ist, wer beteiligt ist, etc. soll nicht an die Öffentlichkeit dringen. Also streut keine Gerüchte, macht keine Mutmaßungen. Überlegt euch eigene Konzepte, wie ihr mit zwischenmenschlicher Gewalt in euren Zusammenhängen umgeht und umgehen wollt. Das ist keine Kritik an anderen, die stattfindende Prozesse nicht veröffentlichen, es soll erklären, warum wir diesen Schritt hier wählen.

Warum nicht einfach die Polizei rufen und die Justiz das machen lassen?

Wir glauben nicht daran, dass die Polizei und Justiz eine Lösung für patriarchale Gewalt sind. Die Polizei zu rufen, ist nur für manche Menschen überhaupt eine Möglichkeit. Für viele ist sie nur eine Bedrohung, z.B. People of Color, Queers, Drogennutzer*innen, Sexarbeiter*innen, Menschen ohne festen Wohnsitz oder legalen Aufenthaltstitel, kriminalisierte oder von der Polizei traumatisierte Menschen. Zudem ist die Justiz nicht für betroffene Personen da, sondern soll nach einem vorgeschriebenen Katalog gewaltausübende Personen bestrafen. Dabei werden jedoch viele Formen sexualisierter und zwischenmenschlicher Gewalt überhaupt nicht als solche anerkannt.

Recht schafft keine Gerechtigkeit, und schon gar keine Heilung von Gewalt betroffener Personen und ihrer Gemeinschaften. Stattdessen bearbeitet die Justiz Fälle von (sexualisierter) Gewalt nicht mehr als Konflikt der beteiligten Akteur*innen, sondern als abstrakten Rechtskonflikt vertreten durch die Staatsanwaltschaft, prüft einzig die Gegebenheit eines Straftatbestands, stellt dabei die „Glaubwürdigkeit“ einzelner betroffener Personen zur Diskussion und erzwingt im Laufe des Strafprozesses immer wieder Konfrontationen mit dem Geschehenen. Statt den Fokus auf die Bedürfnisse der betroffenen Personen zu richten erfahren diese unter den aktuellen prozessualen Rahmenbedingungen häufig (Re-)Viktimisisierung und (Re-)Traumatisierungen. Der Rechtsstaat ist selbst eine gewaltvolle, patriarchal-herrschaftliche Institution, welche z.B. Geschlechterherrschaft und-binarität (re-)produziert und zentraler Akteur rassistischer Grenz- und Sicherheitsdiskurse ist. Zur (Wieder-)Herstellung von Recht übt er wiederum Gewalt durch Strafe und einsperrende Institutionen aus. Wir sind überzeugt, dass der Rechtsstaat daher kein Partner im Kampf gegen (patriarchale) Gewalt sein kann.

Wir wollen Umgänge mit zwischenmenschlicher und sexualisierter Gewalt entwickeln, die nicht nur (wenn überhaupt) für einige Privilegierte zur Verfügung stehen. Wenn wir unsere Ressourcen auf staatliche Lösungen fokussieren, lassen wir all die, die vom Staat ausgeschlossen und verfolgt werden im Stich. Daher sehen wir in Ansätzen Transformativer Gerechtigkeit eine Möglichkeit Konzepte zu entwickeln, die für alle offen stehen und auf Gemeinschaft, Empowerment und Veränderung beruhen, statt auf Herrschaft.

Aber was ist dann die "gerechte Strafe"?

Straflogik zieht sich so tief durch die Gesellschaft, dass sich Strafdynamiken auch abseits des Staats manifestieren. Oft werden in Reaktion auf einzelne Fälle Formen von Ausschlüssen gewaltausübender Personen als einzige Option gesehen. Sicher können Ausschlüsse und z.B. die Aneignung konfrontativer Mittel gegen gewaltausübende Personen wirk- und heilsam sein. Wenn nicht unterstützt von anderen Formen von Bearbeitung bringen sie aber keine tatsächlich Autonomie und (Wieder-)Aneignung von Handlungsmacht (agency), sondern verbleiben in Abhängigkeit von der/den gewaltausübenden Person/en.

Kurz gesagt: Wir erleben immer wieder Reaktionen auf Gewalt, die in Feuerwehrpolitik von Fall zu Fall arbeiten, ohne einen Schritt zurück zu machen, um Strukturprobleme zu betrachten und Umgänge auch für diese zu suchen, sowie die Fehlvorstellung, Strafe und Ausschlüsse würden Heilung versprechen und – aus Hilflosigkeit oder autoritärem Strafbedürfnis – Rückgriffe auf Staat, Justiz und Polizei. All das passiert immer wieder, weil es an Strukturen fehlt, die alternative Erfahrungen zusammentragen und Handlungsmacht generieren, anbieten und teilen können. Dazu wiederum möchten wir solidarisch beitragen.

Das heißt nicht, dass es nicht okay ist, wenn andere Ansätze scheitern und gewaltausübende Personen und deren Umfelder eine Verantwortungsübernahme verweigern, stattdessen Ausschlüsse zu fordern und zu erwirken. Dann steht für uns aber ein Schutz betroffener Personen und eine Erhaltung unserer Gemeinschaften im Fokus und nicht Bestrafung. Außerdem glauben wir nicht, dass es damit möglich ist, insgesamt dauerhaft etwas zu verändern. Insofern finden wir es wichtig, wenn die Möglichkeit besteht, andere Konzepte zu entwickeln und eine Veränderung und Überwindung der gewaltermöglichenden Zustände zu erreichen.

Was ist also Transformative Gerechtigkeit?

Bereits in vorkolonialen Gemeinschaften gab es auf Heilung und Wiedergutmachung angelegte, dezentrale Umgänge mit Konflikten innerhalb von Gemeinschaften, z.B. Gacaca-Gerichte in Ruanda. Ende des 20. Jahrhunderts entstanden in den USA innerhalb queerer und feministischer Communities of Color Konzepte „Transformativer Gerechtigkeit“ (TG) - Ideen, basierend auf Konzepten restorativer Gerechtigkeit aus indigenen Communities. So wurden Alternativen zum rassistischen und klassistischen Industriellen-Gefängnis-Komplex geschaffe. Dem weißen bürgerlichen Mainstream-Feminismus wurde mit der radikalen und intersektionalen Analysen struktureller Machtverhältnisse begegnet, um neue Umgänge mit zwischenenmenschlicher Gewalt zu entwickeln, die nicht nur wenigen privilegierten zur Verfügung stehen. Konkrete Vorschläge für die Entwicklung solcher Konzepte bieten beispielsweise die Gruppen INCITE!, CARA und Generation Five. INCITE!, ein Netzwerk radikaler Feminist_innen und Queers of Color, beschreibt vier Grundpfeiler solcher Gemeinschaftsprozesse:

  1. Kollektive Unterstützung, Sicherheit und Selbstbestimmung für betroffene Personen;

  2. Verantwortung und Verhaltensänderung der gewaltausübenden Person;

  3. Entwicklung der Community hin zu Werten und Praktiken, die gegen Gewalt und Unterdrückung gerichtet sind;

  4. Strukturelle, politische Veränderungen der Bedingungen, die Gewalt ermöglichen.¹

Seitdem wurde TG auch von anarchistischen Gruppen aufgenommen, dazu geschrieben und TG-“Prozesse“ initiiert. TG ist dabei kein „Masterplan“, der im Fall einzelner Übergriffe angewandt werden kann. Im deutschsprachigen Raum existieren zudem verschiedenste Strukturen rund um Awarenessarbeit, Praxen des Definitionsmacht-Konzepts, feministische Praxisliteratur, Organisierung zu Kritischen Männlichkeiten, immer wieder queer_feministische Aktionen und Interventionen.

In TG sehen wir allerdings einen strukturellen Rahmen, der bestehende Arbeit um einige wichtige Handlungsfelder und Grundfragen ergänzt sowie einen Blick „über den Tellerrand“ ermöglicht – hin zu transformative(re)n Formen von Konfliktumgängen, Heilung, Wehrhaftigkeit und Resilienz. TG-Prozesse stellen hohe Ansprüche an Reflexion und gemeinschaftliche Arbeit. Auch wenn sie scheitern können, bedeutet TG für uns die Entscheidung gegen den Rückgriff auf reaktionäre Institutionen, für Autonomie und Veränderung.

Wie weiter?

Zwischenmenschliche und sexualisierte Gewalt werden in dieser Gesellschaft, die so stark von patriarchaler, rassistischer, etc. Gewalt geprägt ist, nicht von selbst verschwinden. Es ist unser aller Verantwortung Umgänge zu entwickeln, die von Gewalt betroffene Personen unterstützen, Veränderung ermöglichen und schließlich durchsetzen.

Denn so wie es ist, kann es nicht bleiben!

- einige Menschen aus der TG Arbeit in Freiburg, November 2020

Ihr habt Fragen?

Es gibt eine allgemeine Kontaktemail, an die ihr Fragen und Hinweise schreiben könnt (schreibt gerne verschlüsselt, wenn‘s nicht geht auch okay):

transform_freiburg[at]immerda[Punkt]ch

PGP-Fingerprint: E10F 3B18 D762 CCBE A3C9 5780 AB8C 55B7 ED3B 0D7E

Außerdem können sich betroffene Personen (und die, die sich nicht sicher sind) an folgende Email wenden (schreibt gerne verschlüsselt, wenn‘s nicht geht auch okay):

blau-beere-n[at]riseup[Punkt]net

PGP- Fingerprint: EF3C 103C 52EE 09A3 C4BF 3596 F292 4040 BEBD 8B18

Ihr wollt euch weiter informieren zu Transformativer Gerechtigkeit?

Lese-Empfehlungen vom ignite-Kollektiv zum Thema:

  • Buch: Was macht uns wirklich sicher, Toolkit. Melanie Brazzel (Hg.) [de]

  • Buch: Was tun bei sexualisierter Gewalt? Respons [de]

  • Buch: Strafe und Gefängnis. Rehzi Malzahn (Hg.) [de]

  • Materialsammlung des ignite! Workshop Kollektivs zu Transformativer Gerechtigkeit mit Audio, Text und Videos [de, en]

  • Zine: Was macht uns wirklich sicher?, kürzere Version des Toolkits (s.o.), Download [de]

  • Zine: Das Risiko wagen, CARA / Transformative Justice Kollektiv, Download [de], [tr], [en]

  • Zine: Accounting for ourselves. Breaking the Impasse Around Assault and Abuse in Anarchist Scenes, Download [en]

  • Zine: Betrayal. A critical analysis of rape culture in anarchist subcultures [en], Download [en]

  • Zine: What about the rapist, anarchist approaches to crime & justice [en], Download [en]

  • Zine: The revolution starts at home. Confronting partner abuse in activist communities, Download [en]

  • Zine: Gedanken über gemeinschaftliche Hilfe in Fällen von intimer Gewalt, Download [de], [en]

  • Zine: LesMigras „Unterstützung geben, Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Gewalt und Diskriminierung“, Download [de]

  • Zine: „Wegbegleitung, Informationen zur Unterstützung Betroffener von sexualisierter Gewalt“, Download [de]

  • Zine: Dismantling the boys club, Download [de], [en]

  • Blog: transformativejustice.eu [de, en]

  • Blog: whatreallymakesussafe.com [de, en]

Teile dieses Textes beruhen auf der Kolumne „Gerechtigkeit jenseits von Polizei, Justiz und Gefängnis? Ansätze Transformativer Gerechtigkeit zum Umgang mit zwischenmenschlicher Gewalt in Gemeinschaften“ des ignite! Kollektiv, ignite.blackblogs.org

¹ Im Original zum zu TG analogen Konzept “Community Accountability” siehe incite-national.org/communityaccountability/, Fact Sheet Community Accountability siehe: transformativejustice.eu/wp-content/uploads/2010/06/6685_toolkitrev-cmtyacc.pdf

Der Text als pdf Datei im Anhang.


Datei(en): TransformativeGerechtigkeit_Freiburg.pdf
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