Leipzig: Offener Brief zum Artikel mit Adam Bednarsky in der LVZ

Autor: anonym Regionen: Leipzig - Connewitz Themen: Antifa Medien Repression Soziale Kämpfe Datum: 30. Oct 2020 Quelle: http://4sy6ebszykvcv2n6.onion

Hallo Adam, liebe Menschen vom und um den RSL,

mit großer Überraschung haben wir den Artikel in der LVZ unter dem Titel "Der Rote Stern bleibt: Warum der linke Leipziger Fußballklub unter Druck gerät" gelesen.

Wir sind fassungslos über die von dir getroffenen Aussagen. In einer Mail an den RSL-Verteiler versuchst du die Probleme wie so oft auf andere zu schieben, hier auf den Jorunalisten Josa Mania-Schlegel. Wir kennen dieses Prozedere von dir seit vielen Jahren: Triffst du auf Kritik, wird später geleugnet und relativiert. Wir wissen dass du weder dumm noch naiv bist. Du hättest dir schon vor dem Interview die Frage stellen können, ob dieser Journalist, der sexistische Täter in Connewitz zu Opfern umschreibt oder der "Neuen Rechten" unkritisch eine Plattform gibt, überhaupt ein guter Gesprächspartner ist.

Dir schien es jedoch wichtiger, für deine politische Kampagne innerhalb des Roten Sterns inhaltliche Diskussionen nach außen zu tragen, und solltest dich jetzt im Nachgang nicht über die Qualität der Artikels äußern. In der Mail an den RSL-Verteiler stellst du zudem klar, dass du alle Zitate abgesprochen hast und gegenüber dem Journalisten bestätigt hast. Natürlich versuchst du dich jetzt Vereinsintern wieder heraus zu winden und alles ganz anders dar zu stellen. Wir haben darauf keine Lust mehr und sagen ganz klar, dass hier zum wiederholten Male ein perfider Umgang von dir mit den Strukturen im Verein stattgefunden hat.

Wir fangen mal so an, um alle ins Boot zu holen. Zu den getroffenen Aussagen von dir in der LVZ:

Die Frage, "ob mensch da unbedingt Bullenschweine sagen muss", stellst du dir alleine. Es waren Polizist*innen, die vor dem Angriff in Connewitz 2016 informiert waren, die mit zivilien Kräften die Neonazi-Gruppe an sich vorbei ziehen ließen, die keine wirkliche Spurensicherung betrieben, die nicht gegen das Netzwerk von einem der größten organisierten Angriffen der letzten Jahre vorgingen, die Ermittlungen gegen Geschädigte führten und die medial daraus eine "Fußball-Auseinandersetzung" machten. Es war die Polizei, die in Brandis vor dem Angriff bescheid wusste und ebenfalls niemanden geschützt hat. Die folgenden Schikanen der folgenden Jahre bei Auswärtsspielen gegenüber uns, haben wir, im Gegensatz zu dir, auch nicht vergessen.

Nein, nur weil Sicherheitsgespräche eingeführt wurden, hat sich nichts an dem kritischen Umgang mit polizeilichen Maßnahmen verändert. Dies gilt auch für das Verhalten der Polizei im Stadtteil. An dieser Stelle sei noch gesagt, dass wir sehr gut wissen wie undankbar und schwierig die Aufgaben sind, die die erzwungene Kommunikation mit der Polizei mit sich bringen. Diejenigen, die sich da in untragbarer Weise auch persönlich an den Menschen der AG Sicherheit abarbeiten, sei gesagt: Verpisst euch!

Pyro wird seit es den Roten Stern gibt gezündet , nicht erst seit ein paar Jahren ("Sieg oder Armageddon"), wie von dir behauptet. Und deine Aufgabe als "Sprecher" für den Verein ist es eben nicht, dies öffentlich zu diskreditieren, sondern dich gegen Strafen und Verbote von Verband und Polizei einzusetzen und dies auch zu äußern. Gerade in einem Interview wie diesem. Es ist doch wohl ein absolutes Unding, wenn du danch in der Mail schreibst:

"Ich persönlich finde Pyro gut - Punkt. Ich finde es nicht gut, dass es verboten ist - Punkt."

Die in dem offenen Brief geäußerte Kritik an dem "Stadtteilgespräch in Connewitz" mit dem Oberbürgermeister und dem Polizeipräsidenten ist richtig und wichtig gewesen. Es ist eine Frechheit, dass du dich in dem Artikel anmasst dein politisches agieren im Rathaus den Entscheidungen des RSL-Plenums aufzudrücken. Es zeigt, dass du kein Verständnis mehr für einen offenen und transparenten Austausch auf basisdemokratischer Ebene hast. Es zeigt abermals, dass dir Entscheidungen des Plenums vom Roten Stern unwichtig sind. Egal, solange du unser Logo auf Wahlplakate drucken kannst, nicht wahr?

Wir haben die politischen Intrigen von dir unter dem Label des Roten Sterns satt. Es ist an der Zeit, dass du diese Manöver endlich ausschliesslich in Kontexten von Parteien wie der LINKEN, den Grünen oder wo auch immer du in Zukunft Politiker sein willst, belässt.

Adam, es ist an der Zeit zu gehen. Wir fordern dich auf, nachdem du deine schmutzige Wäsche in der LVZ gewaschen hast, dass du von allen Positionen des Roten Sterns zurücktrittst und uns nicht mehr öffentlich vertrittst.

wir sind/waren Spieler*innen, Trainer*innen, Betreuer*innen, Aktive und Anhänger*innen vom Roten Stern Leipzig.

ARTIKEL IN DER LVZ:

„Der Rote Stern bleibt“: Warum der linke Leipziger Fußballklub unter Druck gerät

Roter Stern Leipzig ’99 ist ein linker Fußballklub mitten in Sachsen. Doch seit einigen Jahren ist er manchen in Connewitz nicht mehr links genug. Wie geht einer seiner Gründer damit um?

Leipzig Dort, wo in Connewitz die Häuser aufhören und der Auwald beginnt, steht Adam Bednarsky vor einer grünen Wiese, hinter der dunkle Wolken aufziehen.

Auf der Wiese soll in einigen Jahren der Rote Stern Leipzig seine Spiele austragen. Also jener Verein, den Bednarsky vor etwas mehr als 20 Jahren mit einigen Freunden gründete. Aber den Leipziger Linken-Stadtrat beschäftigt etwas ganz anderes. „Wir als Verein sind zum Brennglas einer Connewitzer Debatte geworden“, sagt er.

Offener Brief mit Kritik an der Polizei

Um zu verstehen, was den Geschäftsführer des Roten Stern beschäftigt, muss man einen Brief kennen, der Anfang dieses Jahres in diese Zeitung erschienen ist – und mit dem Bednarsky nicht wirklich einverstanden war. Silvester, die Auseinandersetzungen am Connewitzer Kreuz, waren gerade einige Wochen alt, da erschien ein offener Brief des Roten Stern. Und dieser ging die Polizei hart an. Es gebe im Viertel „massive Polizeipräsenz“, hieß es, kreisende Polizeihubschrauber und verdachtsunabhängige Personenkontrollen. „Das vermittelt uns kein Gefühl der Sicherheit – ganz im Gegenteil.“

Der Brief wurde nicht mit Bednarsky abgesprochen, sondern im Plenum des Roten Stern beschlossen. So, wie es in dem Verein üblich ist. Was nichts daran ändert, dass Bednarsky kein, nun ja: großer Fan des offenen Briefs war. „Man kann sich ja auch fragen: Was hätten wir im Jahr 2016 ohne Polizei gemacht, als hunderte Neonazis Connewitz überfielen?“, sagt er.

Der Rote Stern Leipzig befindet sich in einem Spannungsfeld zwischen linksradikaler Politik und sächsischer Fußballwelt. Er hat Fans, die vieles an Sachsen verachten, aber seine Plätze werden vom Land gefördert. Wie hält Adam Bednarsky das zusammen?

Natürlich ist die linke Haltung des Roten Stern ein Teil seines Gründungsmythos. Ende der Neunziger Jahre spielten Bednarsky und einige seiner Freunde bei sächsischen Fußballvereinen wie Spielvereinigung Leipzig, Lipsia Eutritzsch oder Blau-Weiß. „Wir waren eine Gang von sportaffinen, links denkenden Leuten“, sagt Bednarsky, „aber der Fußball war es nicht – der war, gerade in Ostdeutschland, eher prollig, rassistisch und sexistisch.“ Also gründete man seinen eigenen Verein.
Heute profitiert der Rote Stern davon, dass er sich als radikal links versteht – auch finanziell. Die Spieler der ersten Mannschaft erhalten, anders als ihre Kontrahenten, kein Gehalt, sondern müssen ihren Mitgliedsbeitrag zahlen. „Unsere Neuzugänge sind oft links orientierte Studenten, die wegen der Uni nach Leipzig gekommen sind“, sagt Bednarksy. Zu den Spielen kommen manchmal an die 400 Fans, viel mehr als in der Stadtliga üblich. Es sind vor allem linke Connewitzer.

Aber natürlich bringt es so seine Spannungen mit sich, ein linker Fußballverein mitten in Sachsen zu sein. Spannungen, von denen spätestens 2009 jeder Fußballfan in Deutschland erfuhr. Bei einem Auswärtsspiel in Brandis im Landkreis Leipzig wurde der Anhang von Roter Stern von rechtsextremen Hooligans überfallen. Ein Fan verlor beinahe sein Augenlicht. Seitdem war bei dem jungen Verein nichts mehr wie früher. Er wurde mit Aufmerksamkeit überschüttet, erhielt Demokratiepreise.

Eine Art sächsischer FC St. Pauli

Der Rote Stern wurde auf eine Art zum sächsischen FC St. Pauli. „Wir waren auf einmal Everybody’s Darling“, sagt Bednarsky. „Aber wir setzen uns seitdem eben mit der Polizei hin und fragen uns, wie Auswärtsspiele im ländlichen Raum künftig gesichert werden können.“

Wenn Roter Stern heute ein Auswärtsspiel bestreitet, dann wird es von der Polizei bewertet wie ein Hochsicherheitsspiel in der Bundesliga. Bednarsky schaut über den grünen Rasen in die dunklen Wolken. „Ob man dann wirklich Bullenschwein sagen muss?“, fragt er.

Ein Verein, der sich als linke Alternative gründete, gerät unter Druck, nicht links genug zu sein. Wie kann das sein? Seit einigen Jahren, berichtet Bednarsky, werden die radikalen Stimmen lauter. Er beobachte einen Generationenkonflikt, der sich in ganz Connewitz abspiele. „Wenn die Freiräume fehlen, weil schon vieles etabliert ist, wird es für junge Leute schwierig.“

Kein anderer Leipziger Verein hat so viele Jugendmannschaften

Auch der Rote Stern ist etabliert. Der „Rote Stern“ ist Leipzigs Fußballclub mit den meisten Mitgliedern (1500), Spielern (700) und Mannschaften (fünf Herren, zwei Frauen). Die Mannschaften spielen in insgesamt vier Spielstätten: dem Goethesteig, der Teichstraße, dem Sportpark Dölitz und dem Platz gegenüber vom Eingang der Agra. Um bald in die Teichstraße umzuziehen, bekommt der Rote Stern 100.000 Euro von der Stadt Leipzig.

Außerdem spielt der Verein in der Landesklasse, die Teil des Sächsischen Fußballverbands ist. „Seit einigen Jahren haben wir Fangruppen, die Pyro zünden wollen“, sagt Bednarsky. Auch hier zeigt sich die Spannung, denn Pyro kostet Strafe beim Verband: Beim ersten Mal 500 Euro, dann 700 Euro, später 1500 Euro. Beim letzten Mal wurde dem Roten Stern mit Punktabzug gedroht.

Wie geht man mit solchen Gruppierungen um? Da seufzt Bednarsky. Und spricht wieder über seine Jugendarbeit. Kein anderer Verein in Leipzig habe so viele Jugendmannschaften wie der Rote Stern, natürlich. Zurzeit müsse man reihenweise Eltern ablehnen, die ihre Kinder hinschicken wollen – die Trainingsgruppen seien voll.

„Die Jugendarbeit ist mir besonders wichtig, weil so immer neue Leute nachrücken“, sagt Bednarsky. „Das unterscheidet uns auch von politischen Gruppen, die immer spezieller und weniger zugänglich werden.“ Dann hält er kurz inne und sagt: „Der Rote Stern bleibt.“

Von Josa Mania-Schlegel


Bild(er): Melden Kommentieren