Demo Erfahrung

Autor: anonym Regionen: Berlin Themen: Antifa Freiräume Datum: 7. Oct 2020 03:09 Quelle: http://zf2r4nfwx66apco4.onion

Ich gehöre zu den Älteren der Antifa und der Linksradikalen Szene. Ich war in Berlin bei der Blockade vom 3.Weg und bei den Demonstrationen für die L34 und das Syndikat.

  1. Bullengewalt
    Mir ist aufgefallen, dass sehr viele, vor allem jüngere Aktivisten wirkliche Angst vor den Bullen haben.
    Das in anderen Städten meist die Devise gilt, wenn ich keinen Bullen angreife oder versuche eine Bullenkette zu durchbrechen, passiert mir nichts, gilt in Berlin nicht.
    Ich bin bei jeder Demonstration von den Bullen verletzt worden, obwohl ich passiv war.
    Tritte von einem Bullen gegen das Schienenbein, obwohl die Situation entspannt war, ist vorsätzliche Körperverletzung. Auch ein Faustschlag gegen den Hals, in einer Situation wo ich im Weg stand, sind gemein und haben einzig ein Ziel, jemanden zu verletzen und einzuschüchtern. Von Schmerzgriffen und Schubsen möchte ich gar nicht erst anfangen.
    Anderseits haben die Bullen relativ wenig Schlagstöcke und Pfeffer eingesetzt. Vermutlich geht es darum, möglichst diskret und ohne viel Medienecho die Aktivisten zu verletzten, demoralisieren und ihnen Angst zu machen.
    Wie kann Mensch darauf reagieren und welche Strategien könnte es dagegen geben? Einen Bullen anzuzeigen ist schwierig, in einer aufgeladenen Situation, wo auch etwas Richtung Bullen fliegt, unmöglich. Aber vielleicht geht es auch nicht nur darum, dass die Bullen von der Justiz belangt werden. Wichtig ist auch, dass wir von unseren Gewalterfahrungen und Verletzung erzählen. Damit wir erkennen, wir sind nicht allein. Wenn es angeblich 30 Verletzte Bullen gab, wie viele Verletzte gab es bei uns? Vielleicht muss man eine Struktur der anonymen Meldung von Bullenverletzungen schaffen? Vielleicht kann auch die Kommunikation von Gewalterfahrung schon hilfreich sein. Hätten die Betroffenen von den Schienenbeintritten laut gerufen, dass dort ein Bulle friedlichen Aktivsten gegen das Schienenbein tritt, hätte das zumindest lokal schon für Aufmerksamkeit sorgen können. Auch „Out of Aktion“- Strukturen scheinen sinnvoll zu sein, vielleicht bei jeder Naziblockade oder größeren Aktion. Das über unsere erlittene Gewalt geredet wird.

  2. Anzahl der Aktivisten
    Ein anderer Punkt ist die Teilnehmerzahl. Es waren wohl bei der Blockade des 3.Weges schon mehrere Tausende, aber ich finde für eine 3 Millionenstadt ist das noch gering.
    Auch die anderen Demonstration waren mit ein bis zwei Tausend eher gering besucht, zumal auch aus anderen Städten mobilisiert wurde. Wieso sind da so wenig Leute? Es gibt wahrscheinlich 30.000 oder mehr Linksradikale in Berlin. Viele Aktivisten sind sehr jung, so bis Mitte 20.
    Wo sind die Älteren? (Ich spreche nicht von denen, die Aufgrund ihrer Subversiven Aktionen von Demos lieber wegbleiben)
    Seit den 90ern gehen verschiedene Generationen durch Antifaschismus und andere soziale Kämpfe hindurch. Gerade für eine bloße Demonstration ist es nicht notwendig, auf Familie oder Job zu verzichten.
    Vielleicht ist die Aktivistenzahl auch gering, weil es viele Grabenkämpfe in der Linken gibt, weshalb die Linke dann in Kommunisten, Anarchisten, Pazifisten, Militante etc. aufgesplittert werden und nicht zusammen kämpfen.
    In einer Zeit der zunehmenden sozialen Spaltung und des weltweiten Rechtspopulismus müssen wir wieder toleranter werden und zusammen kämpfen.
    Die Zeiten sind vorbei, wo die Antifa Mainstream ist. Durch die Hufeisentheorie und die öffentliche Diffamierung der Antifa ist die Hürde höher geworden, linksradikal zu werden. Wahrscheinlich sind Aufgrund der Pandemie auch weniger Leute bei den Demonstrationen.

  3. Zivis
    Nun möchte ich auf die Zivis eingehen. Bullen die als Aktivsten verkleidet mitlaufen und dann als Tatbeobachter später den Greiftruppen des BFE sagen, wenn sie festnehmen sollen.
    Diese Gestapo Methoden sind für die Aktivisten schwer durchschaubar und erzeugen Angst und Terror. Wenn Menschen ohne Grund plötzlich aus Vorbeifahrenden Autos festgenommen werden, dann ist das Weißrussland. Hier werden ordentliche Polizisten eingesetzt für die Festnahmen, aber die eigentlichen Gründe dafür werden von verdeckten Ermittlern geliefert.
    Nicht nur die Festnahmen machen Angst, weil sie scheinbar willkürlich erfolgen. Auch das Wissen, das in unseren Reihen eine Menge Bullen mitlaufen, macht misstrauisch und Vorsichtig.
    Ich denke zum Einen könnte es erfolgreich sein, sich nach einer Aktion (eine Barrikade bauen reicht schon) als Bezugsgruppe zurückzuziehen und versuchen den Sichtkontakt zu allen anderen Aktivisten und Bullen zu unterbrechen und sich dann umziehen. Ein Mensch der alleine herumläuft muss kein Bulle sein, aber es ist wahrscheinlicher bei großen Aktionen. Die Tatbeobachter sind nur begrenzt verfügbar, dass heißt wenn es 20 Zivis gibt, dann werden diese vermutlich 20 Bezugsgruppen observieren bis zu deren Festnahme. Das euch also 3 oder 4 Zivis als Gruppe folgen ist unwahrscheinlich.
    Aktivisten hingegen sind gerne in Freundesgruppen unterwegs. Natürlich wird es sehr schwierig, wenn ein Zivi sich in der nähe einer Bezugsgruppe aufhält und so tut, als wäre er nicht allein. Beim G20 habe ich immer auf Einzelgänger geachtet, die sich in unserer Nähe aufhalten. Wenn wir eine Weile in einer fast leeren Straße bleiben, bleibt der Einzelgänger in der Nähe? Wer würde alleine beim G20 rumlaufen, links aussehen und kein Ziel haben? Zivis werden vermutlich unauffällig aussehen wollen, auch in einer Linksradikalen Gruppe. Das heißt ihre Kleidung wird bei Naziaufmärschen oder in Riots eher links aussehen. In einer Stadtobservierung wird er eher bürgerlich aussehen. Achtet auch auf (gezielte) Fotos, sobald ihr nicht mehr vermummt seid. Beim G20 gab es Teleobjektive, aber manchmal reicht auch schon ein Foto aus einem Smartphone von sehr nah. Fotos können dann mit anderem Material abgeglichen werden. Lasst euch von dem Fotografen im Zweifelsfall sein Presseausweis zeigen und bittet um Löschung.
    Ich vermute auch, das euch nicht immer nur ein Zivi folgen wird. Die werden sich abwechseln, einer hat euch im Blickfeld und wird dann abgelöst von einem anderen.
    Wenn ihr etwas strafbares getan habt, seid lieber zu Vorsichtig.
    Solange die erste Strategie des Rückzug und neu einkleiden nicht möglich ist, seid auf der Hut.
    Die BFE ist meist mit 3 bis 5 Bullen unterwegs, geht friedlich durch unsere Reihen, steht scheinbar passiv irgendwo herum, bis sie plötzlich auf irgendein ahnungsloses Kind springen und es festnehmen, weil dieses vorher eine Mülltonne falsch geparkt hat. Wenn immer einer von euch Wachsam ist und ein Mindestabstand von 5 Metern zu den Greiftruppen hält, könnte das eure Chance verbessern zu fliehen. Auch ist es möglich, wenn nur einer von euch etwas strafrechtlich relevantes getan hat, das sobald eine BFE Einheit auf euch zu rennt, nur diese Person flieht und ihr so bestimmt wie möglich und so passiv wie nötig versucht im Weg zu stehen und die Bullen zu verlangsamen.
    Für größere militante Aktionen könnte man versuchen, eine „Kette of Trust“ zu etablieren. Das heißt eine große Gruppe, die sich kennt macht eine Aktion und nur die dürfen mitmachen (oder Erfahren überhaupt davon), die mindestens einen Bürgen haben.
    Dann ist es wichtig, für Aktivisten aus anderen Städten, dass diese teilweise Anschluss finden. Es könnte zum Beispiel auch Codes und geheime Zeichen geben, wer Safe ist.
    Zum Beispiel an Tag X wird beschlossen, H ist die Tageslosung. Dieses Geheimnis haben die Aktivisten beschlossen, ohne das die Bullen es wissen. Nun bekommen alle, denen vertraut wird, diese Info. Wenn nun Aktivisten aus anderen Städten anreisen, so werden sie hoffentlich in der fremden Stadt jemanden kennen, der dort aktiv ist und ihnen die Losung geben kann. Wenn nun zwei oder 3 Bezugsgruppen sich nicht kennen, aber alle die Losung kennen (D.h. alle legen vor sich verdeckt die Losung und decken zusammen auf), ist es wahrscheinlicher das es keine Bullen sind.
    Diese Information (es gibt eine Tageslosung) muss bekannt sein und trotzdem nur an vertraute weitergegeben werden. Dann können nur noch die Zivilpolizisten an die Information kommen, die wirklich in unseren Zusammenhänge langfristig operieren.
    Gerade mit wechselnden Codes für Aktionen, mit einem erweiterten oder eingeengten Kreis an Menschen die davon Wissen, kann vielleicht sogar eine undichte Stelle ausgemacht werden.
    Auch für Zusammenhänge wie die IL, die in vielen Städten Anhänger hat, könnte das eine Methode sein, sich auszuweisen.
    Wichtig natürlich, wenn das funktionieren würde, dass jemand der die Losung nicht hat, eben meistens einfach schlecht organisiert oder informiert ist, und ihm nicht unterstellt wird, er sei Bulle. Aber wenn das funktionieren würde, könnten sich Aktivisten die sich nicht persönlich kennen, trotzdem zu spontanen Aktionen zusammenfinden. (Bspw. Bespricht jede Bezugsgruppe wie sehr sie anderen eingeweihten Gruppen vertrauen)
    Auch wäre das ehrliche und offene Sprechen über den Grad des Vertrauens wichtig.
    Nur weil ich jemandem nicht vollständig vertraue, heißt es nicht das ich ihn verdächtige. Aber es gibt Menschen, mit denen würde ich schwere Straftaten begehen und wüsste, sie verraten mich nicht. Es gibt auch Freunde, wo ich denke sie sind keine Spitzel, aber ich kenne sie noch keine 10 Jahre, habe ihre Eltern nie gesehen und noch keine Straftat mit ihnen begangen. Ich kann mir deshalb nicht ganz sicher sein und würde diesen Menschen vielleicht keine Strafrechtlich relevanten Taten erzählen.


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