Debatte über sexualisierte Gewalt gescheitert

Autor: Betroffene haben die Schnauze voll! Themen: Gender Datum: 19. Sep 2020 Quelle: http://4sy6ebszykvcv2n6.onion

Die radikale Linke führt seit mehreren Monaten eine Debatte über sexualisierte Gewalt. Auslöser war das Bekanntwerden zweier besonders krasser Übergriffe gegen zahlreiche Betroffene. Es entstand der Wunsch diese Zustände zu ändern.

Die Diskussion kann inzwischen als gescheitert betrachtet werden. Anfangs hatte die Debatte noch das Ziel, zukünftige Übergriffe zu vermeiden und vorhandene aufzuarbeiten. Inzwischen hat sich die Diskussion davon entfernt. Sie ist im linken Elfenbeinturm angelangt. Es geht um die Inszenierung der eigenen Progressivität. Reale Übergriffe werden ignoriert oder stören dabei.

Gut sichtbar wurde dies bei der Diskussionsreihe der Jungle World und deren Umgang mit Kommentaren auf Facebook. Wir verwenden dieses Beispiel, weil hier durch persönliche Kommentare ein weiterer besonders drastischer Vorfall öffentlich und gleichzeitig sichtbar wurde, wie bestimmte Mechanismen dieser Debatte funktionieren. Es gibt ähnliche Ereignisse, bei denen die betroffenen Personen sich nicht öffentlich dazu äußern. Wir verwenden das Beispiel u.a., weil es bereits öffentlich ist und den Umgang der Debatte über sexualisierter Gewalt in der radikalen linken Szene deutlich macht.

Im Juli fragt jemand auf der Facebook-Seite der Jungle World unter einem der Debatten - Beiträge, wohin sich ein betroffener Mensch praktisch wenden kann. Es war die Rede von einem sexuellen Übergriff in einer größeren linken Organisation und dass diese Organisation sich verhält „wie die katholische Kirche“. Die Antwort war verhalten. Es fielen lediglich Allgemeinplätze. Einige nörgelten, weil die ursprünglich fragende Person mit diesen „Tipps“ nichts anfangen kann bzw. sie als ungeeignet sah. Die geäußerte Erwartung praktisch nutzbarer Hinweise erschien als überzogene Anspruchshaltung. Schlussendlich wurde die Frage nicht beantwortet.

Was nutzt eine umfangreiche geführte Diskussion auf hohem intellektuellen Niveau, wenn dort niemand bereit ist auf eine sachbezogene Frage des diskutierten Subjekts einzugehen? Interessieren sich die debattierenden Menschen so sehr für die korrekte Positionierung, dass sie die real Betroffenen nicht mehr beachten möchten?

Eine Woche später wurde es konkreter. Ein Verweis auf einen Indymediartikel, der einen konkreten Fall sexualisierter Gewalt betrachtet. Es wird ein vor Zeugen erfolgter und u.a. von einem Professor der Sexualwissenschaften als solcher eingestufter sexueller Sekundärübergriff in der Linkspartei geschildert, dass dort Sachverhalt schlichtweg ignoriert wird, der Betroffenen keine Unterstützung erhält und der Täter einfach weiter machen kann. (Quelle: [Triggerwarnung: es wird geschildert wie ein Parteifunktionär sexuellen Kindesmissbrauch instrumentalisiert] https://de.indymedia.org/node/37625 ).

Es gab keinerlei Reaktion. Weder konkret auf den Beitrag noch darüber hinaus. Über Monate sind sich alle einig dass zukünftig sexualisierte Gewalt nicht toleriert werden kann, Betroffenen geholfen werden soll…

Andere Betroffene berichten, dass sie mit der Bitte um Unterstützung einen Teil der Autoren sowie die diskutierenden Medien wie Jungle World, Konkret, AK (u.v.a.m.!), aber auch weniger radikale Publikationen wie TAZ oder ND angeschrieben hatten. Eine Antwort erhielten sie fast nie. Die Schicksale interessiert scheinbar keinen. Ebensowenig Folgenlosigkeit für Täter.

Es gibt aber auch Menschen in der radikalen Linken, deren Interesse ist … merkwürdig. Da erwarten einige mit einer krassen Anspruchshaltung, dass ihnen sämtliche Details eines Übergriffs mitgeteilt werden. Dass Betroffene schmerzhafte Einzelheiten, die nicht zur Aufarbeitung beitragen, für sich behalten möchten wird ignoriert. Es fallen mitunter Beleidigungen oder Vorwürfe mangelnder Glaubwürdigkeit, wenn makabere Bedürfnisse nicht erfüllt werden. Haben sie dann ihr Detailwissen, hört man von ihnen nichts mehr. Anderen ist die Erörterung eines manipulierten Penis eines männlichen Betroffenen wichtiger als die Aufarbeitung des Vorfalls.

Unsere Erfahrungen sind kein Betroffenheitsporno an dem ihr euch belustigen dürft!!!

Eine Debatte kann spätestens dann als gescheitert betrachtet werden, wenn das Subjekt direkt daneben steht und dessen Bedürfnisse nicht einmal wahrgenommen werden. De facto ist bei den zahlreichen „kleinen“ Fällen in der Szene „alles wieder gut“, wenn niemand mehr über das Vorgefallene redet und Betroffene irgendwann entnervt aufgeben. Die Emotionen eines Betroffenen stören mehr als der sexuelle Übergriff.

Deshalb schlagen wir eine Pausierung der Theoriedebatte und eine Fokusierung auf vorhandene Vorfälle vor. Geeignete Beispiele finden sich in jeder größeren lokalen Szene.

Hört endlich auf, bei sexuellen Übergriffen einfach nur zuzuschauen!

Unternehmt etwas damit die realen Vorfälle aufgearbeitet werden, statt rumzulabern um euch zu inszenieren!

Solidarität mit allen Betroffenen! Aufarbeitung aller Übergriffe!

Anmerkung:

Der ursprüngliche Bericht wurde von einer autonomen Gruppe veröffentlicht und einer lokalen Antifagruppe weiter publiziert. Der Vorfall spielte sich in den Geschäftsräumen der Linkspartei ab und hat aufgrund des ignorierenden Umgangs der Linkspartei auf Landes- und Bundesebene eine überregionale Relevanz. Es ist eine Einzelperson betroffen. Die innerparteiliche Ignoranz des Übergriffs zeigt den allgemeinen Umgang der Gesamtpartei mit diesem Thema. Das lässt auf darauf schließen, dass es zahlreiche weitere Betroffen sexualisierter Gewalt in dieser Partei gibt.

Die Linkspartei gehört zwar nicht zur radikalen Linken. Sie ist jedoch ein wichtiges Kristallisations- und Bezugsobjekt, gerade in ländlichen ostdeutschen Regionen. Die Linkspartei macht zahlreiche „politische Versprechen“ die sich auch an radikale Linke richten. Bei dem hier verwendeten Beispiel wird (mal wieder) sichtbar, wie wenig Substanz hinter dieser Haltung steckt.

Der Betroffene wird männlich gelesen. Vielleicht ist er deshalb für radikale linke Solidarität nicht „gut genug“. Anders ist nicht zu erklären dass dieser Vorfall keine angemessene Beachtung erhällt. Nicht wenige erwarten vielleicht ein „typisch männliches Konfliktverhalten“ mit einer Gewaltlösung als Antwort. Es wird ersichtlich dass der Betroffene genau das ausgeschlossen hat (weitere Gründe warum wir diesen öffentlich gewordenen Vorfall als Beispiel nehmen).


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